Toxische Männlichkeit, Squadprep und Pengwing! – Logbuch 08. März ’19

Logbuch Odyssee Berlin, 08. März 2019.

17:00 Uhr Frauentag und Jannowitzbrücke. Die Spielleitung Franziska Schiedung wartet. Fängt gut an: Demo. Zwei junge Frauen singen auf einem Wagen ein Lied, Satire und Ironie, dazu Gitarre. Manche Menschen sollten Gitarren nicht mal angucken, hier geht’s. Die Leute finden´s gut. Zugabe! Die beiden Frau so: „Aber wir können nur das!“ Die Leute so: „Egal.“ Die Frauen so: „Sollen wir nochmal?“ Die Leute so: „!!!“ Also nochmal. Die Schauspieler*Innen Pia Zessin und Diego Ivica Andreas treffen ein.

17:10 Der Odysseesquad flaniert über eine Berliner Brücke. Unser Ziel: die Podiumsdiskussion „Patriarchat ist Mist“. Es diskutieren: Mithu Sanyal (Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin) und Karsten Kassner (Bundesforum Männer). Tina Bär moderiert. Fokus ist die Schräglage des Patriarchats für die Perspektive sich männlich identifizierender Menschen. Unsere Figuren Jan (Diego Ivica Andreas) und Jelka (Pia Zessin) schlagen sich unter anderem auch damit herum, also scheint die Veranstaltung zur Vorbereitung des Teams bestens geeignet. Squadprep sozusagen.

17:35 Wir schnattern uns im Foyer warm. Vorbesprechungen und Meinungsaustausch. Ich zurre noch Jack Urwin hervor und wir lesen Textpassagen, die für Jelka oder Jan nützlich sein könnten.

18:00 Uhr Podiumsdiskussion. Männer sterben häufiger an frühzeitigen Todesfällen – Herz- und Kreislauferkrankungen und Krebs zum Beispiel. Häufig ist Hilfe zu spät. Die Suizidrate der Männer ist höher als die der Frauen.1 Jack Urwins Ex- Freundin Megan drückt es so aus: „Ich glaube, das größte Ding war, dass deine Unfähigkeit zu kommunizieren es dir schwergemacht hat, deine eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen und zu verarbeiten“, sagte sie. „Noch mehr als deine Unfähigkeit, sie mir gegenüber zum Ausdruck zu bringen, warst du es so gewohnt, alles wegzudrücken, dass du den Kontakt mit der Realität deiner Gefühle verloren hattest. Selbst wenn ich mit dem Finger auf eine problematische Situation zeigen konnte, hast du sie schlicht geleugnet. Ich musste schwierige Themen also nicht nur durchackern, sondern stand schon vorher vor der unüberwindlichen Aufgabe, dich dazu zu bringen zuzugeben, dass da überhaupt etwas durchzuackern war.“2 Das soziale Konstrukt von Männlichkeit ist eine der Hauptursachen dieses Ungleichgewichts.3 Momentan ist der Begriff „Toxische Männlichkeit“ fancy und wird viel zur Einkreisung der Problematik genutzt.

Wenn du so drauf bist, merkste vielleicht nicht, dass deine Beziehung im Arsch ist. Oder dass du wegen des merkwürdigen neuen Hautflecks mal zum Arzt gehen könntest. Oder du merkst nicht, dass dein Kind denkt, du liebst es nicht. Hört sich anstrengend an. Ist es auch. Für Megan. Für Frauen. Für Männer. Für alle Geschlechter. Nur gut, dass wenigstens Spirituosenkonzerne davon profitieren. Sowieso der Kapitalismus. Mehr Leistung, mehr Gewinne, weniger „Befindlichkeiten“, weniger „Mensch“. Alle denken, sie können es sich nicht leisten, weniger zu verdienen. Nicht selten ist das sogar richtig. Vielleicht liegt darin (neben der Tatsache, dass manche Menschen letztlich einfach Arschlöcher sind) das Hauptproblem. Wenn „mehr“ draufsteht, sind die meisten oft nicht fähig „nein“ zu sagen. Es wäre zwar richtig, bringt aber keine Vorteile. Benedict Cumberbatch sieht das als Männerproblem. Er spielt nicht, wenn die Spielpartnerin nicht dieselbe Gage bekommt. (Brrr. Das Schnurren der Cumberbitchkittens wird umso verständlicher. Ein orgasmisches Pengwing!)4

Könnten ja gesammelt alle Männer machen. Wir arbeiten nur, wenn Frauen genauso viel Geld bekommen. Problem gelöst.

Machen sie aber nicht. Okay. Nicht alle. Aber viele. #TeamBenedict ist (noch?) sehr klein.

Na, dann halt die Quote. Als Übergang. Als Krücke. Wer nicht will, der wird aufgefordert. Aber Frauen sind nicht automatisch pro-feministisch, nur weil sie Frauen sind. Oder antikapitalistisch. Warum auch. Schon wieder Erwartungshaltungen. Die Gäst*Innen diskutieren (Mithu Sanyal: groovy, Karsten Kassner: akkurat), das Publikum ist höflich-heiter, der Odysseesquad stellt Fragen.

„Patriarchat ist Mist“ fragt nach Lösungen. Bildungspolitik. Die jungen Menschen abholen, bevor die Alten wieder alles versauen. Die große Frage, inwiefern sich Alternativen zum Kapitalismus anbieten, produziert Raunen im Saal. Ist ja alles Mögliche gescheitert im letzten Jahrhundert. Aber die Frage, der Wunsch, das Träumen sind (wieder) da?

Die Frage bleibt weiterhin: was machen wir jetzt? Hören Frauen weiter zu und therapieren kostenfrei, sterben Männer weiter früher und haben am Ende so rein gar nix vom höheren Verdienst?

Pengwing.

20:00 Uhr Nach Ende der Veranstaltung latschen wir zweimal über denselben Zebrastreifen. Um ein drittes Mal zu vermeiden, kehren wir in einem germanischen Eckswirtshaus ein.

Die fiktive Situation, die wir uns bei Hering und Bratkartoffeln ausdenken, funktioniert ausgezeichnet. Jan und Jelka. Leise bahnt sich ambivalent das Drama an, die Sache macht was her (Spielstratgie 2: die Spielenden agieren als Figuren im Kontext unserer Narration, andere mögliche Beteiligte agieren nicht als Figur.) Die Spielenden nutzen wild die Fragen des Abends, die Spielleitung ist zufrieden. Odysseegroove.

21:45 Uhr Während der Verabschiedung gesteht Diego, dass er minimal Bauchschmerzen hätte. Die germanischen Heringe vielleicht? Teamstolz. Diego hat’s verstanden. #TeamBenedict

Wir werkeln an Neuem. #StayTuned.
Mit Diego Ivica Andreas als Jan und Pia Zessin als Jelka. Erdacht von Franziska Schiedung.
Danke an das Team von „Frauen, Männer, Menschen: Patriarchat ist Mist“.
Kein Hering wurde während unserer Aktionen verletzt.

1) Urwin, Jack (2017): „Boys don’t cry- Identität, Gefühl und Männlichkeit“. Hamburg: Edition Nautilus, S. 10.

2) Ebd. S. 11 -12.

3)Ebd. S. 10.

4) Cumberbatch hatte für eine Dokumentarsendung der BBC über Pinguine als Sprecher fungiert und dabei die Aussprache des Wortes „Penguin“ mehrfach höchst individuell interpretiert. Die Medien zeigten sich erheitert und griffen das Thema in zahlreichen Interviews auf. Cumberbatch reagierte freudvoll selbstironisch und übte mit diversen Talk/Chatshow Hosts und Moderatoren das Wort erneut. Der Cumberbatch „Pengwing“ scheint jedoch im Sprachgebrauch angekommen zu sein: „How the sexy Benedict Cumberbatch pronounces „Penguin“ – „So why are these woodlands so attracted to pengwings? A fresh water stream through the forest makes a handy highway for a parent pengwing heading home from a fishing trip.“ #pengwing#pengling#benedict cumberbatch#cumberbitch#penguin“
The Dalek Asylum (2014): „Pengwing – How the sexy Benedict Cumberbatch pronounces Penguin“. Online im Internet unter https://www.urbandictionary.com/define.php?term=Pengwing (11.03.2019)

Bildnachweis: Pinguin (c) fakhri_ramadhani